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Erschienen
im Tagesspiegel vom 04.09.2011 - Geschrieben von Nik Afanasjew
9/11 Alles Lüge?
Um 8 Uhr 46 Ortszeit schlug eine Maschine in den Nordturm (rechts)
ein, 17 Minuten später traf es den Südturm.
Die Taten und die Bilder scheinen eindeutig, und doch gibt es
so viele Zweifler wie noch nie:
So allgemein formuliert, ist dieser wohl berühmteste geschichtliche
Fakt des neuen Jahrtausends gleichzeitig ein kleinster gemeinsamer
Nenner. Zu ihm muss man zurückgehen, damit sowohl die Befürworter
der offiziellen Version über die Hintergründe von "9/11" zustimmend
nicken wie auch jene, die man Verschwörungstheoretiker nennt.
Wenn man diesen einen Satz um die Flugzeuge ergänzt, die in die
Türme des World Trade Center flogen, wäre der Konsens dahin, denn
eine der unübersichtlich vielen Alternativannahmen ist die sogenannte
No-Plane-Theorie.
Die Videos, die wohl so gut wie jeder Erdbewohner mit Zugang zu
einem Fernseher vielfach gesehen hat, sollen gefälscht sein, Hologramme
und Computeranimationen tauchen in Argumentationsketten auf, die
man in Foren und Blogs nachlesen kann. Es sind Theorien wie "No
Plane", die Verschwörungstheoretiker als paranoide Wirrköpfe erscheinen
lassen, deren größter Feind die Realität als solche ist. Einen
identifizierbaren Autor oder bekannten Verteidiger haben die ganz
abseitigen unter den Verschwörungstheorien zumeist nicht - ihr
Urheber ist "das Internet".
Weitgehend unter dem Radar der Medienöffentlichkeit hat sich in
den vergangenen zehn Jahren eine Szene gebildet, wie es sie vorher
in dieser Dimension nie gegeben hat. Ereignisse wie der Kennedy-Mord,
die Mondlandung oder Lady Dianas Unfalltod in Paris hatten zahlreiche
Zweifler auf den Plan gerufen, aber allein die Menge an Webseiten,
Büchern, Filmen und Meinungen über 9/11 übersteigt das zuvor Dagewesene.
"Verschwörungstheorien zu den Anschlägen von New York und Washington
weisen die gleichen typischen Merkmale wie andere Schriften vor
ihnen auf, ungewöhnlich ist nur die schiere Zahl und die schnelle
Verbreitung", sagt Thomas Grüter. Der Arzt und Wissenschaftsautor
hat viel zum Thema geforscht und veröffentlicht, sein Urteil:
"Verschwörungstheorien sind per se wirklichkeitsfrei."
Ein prominenter Vertreter alternativer 9/11-Modelle ist Matthias
Bröckers. Als freier Autor und Journalist war er einer der ersten,
der kurz nach den Anschlägen in einem Buch die offizielle Version
anzweifelte und Indizien sammelte, die auf eine kontrollierte
Sprengung der Türme hinweisen sollten. "Verschwörungstheorie -
das ist heutzutage ein Kampfbegriff. Das liegt nicht zuletzt an
solchem Unsinn wie ,No Plane' oder der Behauptung, Weltraumwaffen
seien für 9/11 verantwortlich", erklärt Bröckers. Mit "11.9. -
zehn Jahre danach. Der Einsturz eines Lügengebäudes" hat er kürzlich
zusammen mit Christian C. Walther erneut ein 9/11-Buch vorgelegt,
das es sogar auf Bestsellerlisten geschafft hat. Medien wie die
ARD in "Titel.Thesen.Temperamente" oder die "Süddeutsche Zeitung"
haben das Werk mit überwiegend positiven Kritiken hoffähig gemacht.
"Es ist heutzutage leichter, über das Thema zu sprechen und zu
schreiben, das beobachte ich seit ein paar Jahren. Da ist nicht
mehr diese Hysterie", sagt Bröckers.
Einig sind sich Zweifler Bröckers und Wissenschaftler Grüter in
so gut wie nichts. Allerdings bestätigen beide, dass das im neuen
Jahrtausend aufgekommene Breitbandinternet "eine wichtige Rolle"
für die Kommunikation der 9/11-Theorien gespielt hat. "Auch das
verbreitete Misstrauen gegen die Regierung Bush führte zu einem
Anstieg", bilanziert Grüter. Hinzu kam, wie Bröckers betont, dass
"9/11 ja praktisch live in die Wohnzimmer übertragen wurde, dadurch
musste es so groß werden".
Es ist nicht mehr nur die weltweite Gemeinde der Verschwörungsgläubigen,
die zweifelt, auch die Akzeptanzwerte der von Regierungen gegebenen
Erklärungen zu 9/11 gehen deutlich zurück. Knapp 90 Prozent der
Deutschen denken laut einer Emnid-Erhebung vom Januar 2011, dass
die US-Regierung nicht die ganze Wahrheit über die Anschläge sagt.
Bei einer Umfrage von Worldpublicopinion.org aus dem Jahr 2008
geben nur 46 Prozent der Befragten aus 17 Ländern an, Al Qaida
für den Urheber zu halten. Und nicht nur 15 Prozent der Chinesen
bezichtigen unmittelbar die damalige US-Administration, in Deutschland
sind es genauso viele. "Je nachdem, wie sie die Frage stellen,
kriegen sie ganz verschiedene Prozentsätze in den Antworten",
relativiert Grüter.
Antworten jedoch sind das, was Bröckers verlangt und bewusst nicht
gibt. Zahlreiche offene Fragen sind seiner Ansicht nach übrig
geblieben - eine offizielle Neuuntersuchung sei dringend notwendig,
lautet die Kernaussage seines Buches. Wer hat die Anschläge finanziert?
Warum berichten zahlreiche Zeugen, dass sie Explosionen aus den
unteren Stockwerken des WTC gehört haben? Wieso ist das Gebäude
WTC 7 eingestürzt, obwohl es nicht von Flugzeugen getroffen wurde?
Warum hat bin Laden unmittelbar nach den Anschlägen noch jede
Beteiligung an diesen abgestritten? Zu klären ist nach Ansicht
von Bröckers noch einiges, brachiale Schuldzuweisungen an die
CIA, den Mossad oder Bush und Cheney jedoch gelten zumindest bei
den um Seriosität bemühten Vertretern der Alternativtheorien als
verpönt.
"Es gibt einfach eine Schere im Kopf bei diesem Thema, das ist
ein vermintes Feld", findet Oliver Janich. Der Journalist hat
für "Focus Money" zwei Artikel zu 9/11-Verschwörungstheorien verfasst
und ist damit einer der wenigen, die diesen in den Massenmedien
eine Plattform gegeben haben. Er zählt in einem der Artikel 40
bekannte Skeptiker auf, die der offiziellen Version der US-Regierung
misstrauen, von Professoren über erfahrene Piloten bis zum ehemaligen
WTC-Hausmeister William Rodriguez und Hollywood-Schauspielerin
Sharon Stone. "Wenn man sich den Einsturz der Zwillingstürme und
des WTC 7 genau anschaut, dann kann es sich nur um eine kontrollierte
Sprengung handeln", sagt Janich. Implizit folgt daraus: Es handelt
sich um eine riesige Staatsverschwörung. Als Beweis führt Janich
zahlreiche Expertenaussagen an, was die andere, die offizielle
Seite, freilich ebenso getan hat. Nicht nur im bekannten und vielfach
kritisierten "9/11 Commission Report", sondern vor allem auch
im Bericht des National Institute of Standards and Technology
wurden die technischen Aspekte der Anschläge von der Elite der
US-Wissenschaft beleuchtet; sie bestätigten die offizielle Version.
Doch naturgemäß kann das die Verschwörungstheoretiker nicht überzeugen,
denn wie sollte eine von der US-Regierung beauftragte Untersuchung
objektiv sein?
Ein Blick auf die Publikationen der Alternativdenker zeigt, dass
sich die meisten von ihnen nicht nur mit 9/11 beschäftigen. Jesse
Ventura, vier Jahre lang Gouverneur von Minnesota, hinterfragt
in "Die Amerikanische Verschwörung" auch noch die Morde an Kennedy
und Malcolm X, beschreibt Drogenhändlerseilschaften früherer US-Regierungen
und verschobene US-Wahlen von 2000 und 2004. Auch Janich hat in
"Das Kapitalismus-Komplott" geheime Machtzirkel und Weltverschwörungen
im Blick. Die Autoren stellen ihre Leser damit vor die Wahl: Glaube
ich, dass die ganze Welthistorie eine einzige große Lüge ist,
oder halte ich es weiter mit den Geschichtsbüchern? So wird der
Kampf um die Wahrheit über 9/11 zu einem Glaubenskrieg. Die unendliche
Masse an Zahlen und Daten über Schmelzeigenschaften von Stahl
und die Hinweise auf Nanothermit-Sprengstoff im Schutt des WTC
können von Lesern weder geprüft noch eingeordnet werden. Alles
reduziert sich auf die zwischen den Zeilen lauernde Frage: Traue
ich der US-Administration zu, fast 3000 Landsleute umzubringen
oder zumindest deren Ermordung absichtlich nicht zu verhindern,
um eine Rechtfertigung für die Kriege in Afghanistan und im Irak
zu haben?
Der ehemalige US-Präsident Bush und seine Rhetorik vom Guten und
Bösen, von der gottgegebenen Überlegenheit des westlich-christlichen
Modells ist vielleicht nicht ganz unschuldig an der Schärfe der
Auseinandersetzungen zwischen jenen, die folgen möchten und solchen,
die das Böse im "neuen US-Imperialismus" sehen und den USA deshalb
auch das Schlimmste zutrauen.
"Der Hauptverdächtige ist in der Tat die damalige US-Administration.
Das Motiv war, Geld der Steuerzahler in die Kriege umzuleiten",
sagt mit Alexander Benesch einer, der den Diskurs in Deutschland
maßgeblich beeinflusst hat. Sein Portal infokrieg.tv ist eine
zentrale Anlaufstelle für alle, die sich von den Massenmedien
hinters Licht geführt wähnen. "Es ist stellenweise zu beobachten,
dass 9/11 vielen zum Hals raushängt, da wurde schon so viel gemacht",
sagt Benesch. Als seine Motivation beschreibt der 27-Jährige die
"Suche nach Wahrheit": "Wenn man heute den Fernseher einschaltet,
müsste dort ein Warnhinweis sein: Achtung, sie gucken eine Werbesendung
für die aktuelle Regierung." Auf seinem Portal macht Benesch selbst
Nachrichten, im Gespräch mit ihm wird es schnell welthistorisch,
von Manhattan aus landet man plötzlich bei der Mitverantwortung
Wladimir Putins für die Bombenanschläge auf Hochhäuser in Moskau
1999 und dann beim Reichstagsbrand. Von seinem Portal kann Benesch
leben, vor allem der Vertrieb von Büchern und CDs mit alternativen
Deutungen verschiedener Ereignisse laufe gut.
Wie andere Multiplikatoren der Szene auch beruft sich Benesch
bei seiner Beweisführung zu 9/11 auf die "Operation Northwoods".
Dabei handelt es sich um einen US-Geheimplan, im Jahr 1962 Terrorattacken
von Kubanern auf US-Einrichtungen vorzutäuschen. Der Plan ist
real, die CIA selbst veröffentlichte 1997 entsprechende Unterlagen,
allerdings hat der damalige Präsident Kennedy ihn nie unterschrieben.
Aber wenn es schon vor 50 Jahren solche Gedankenspiele gab, dann
könnten doch 2001… Am Ende verlieren sich alle Alternativtheorien
im Konjunktiv und der Frage danach, wem man noch glauben kann
- und vor allem will. 9/11 ist für eine gar nicht so kleine Parallelgesellschaft
im Netz zu einem Synonym einer überkomplexen Welt geworden, in
der allein Machtinteressen zählen. Der Tod Osama bin Ladens ist
für die Verschwörerszene dabei kein Schlusspunkt unter die Anschläge
von 2001 und das Jahrzehnt im Zeichen des "War on Terror". Schließlich
soll Osama bin Laden schon kurz vorher oder nicht lange danach
gestorben sein, ganz friedlich, an einem Nieren- und Leberleiden.
Dass seine Leiche von US-Militärs verbrannt und der Beweis, er
sei bis 2011 noch am Leben gewesen, in den Augen vieler damit
nicht erbracht wurde, gibt der bin-Laden-Verschwörungstheorie
Nahrung.
Um die Jahrtausendwende lebte ein radikaler Islamist. Er hasste
die USA und starb irgendwann zwischen 2000 und 2011. Mehr Konsens
wird es auch im Fall bin Ladens zwischen den Verschwörungstheoretikern
und den offiziellen Chronisten der Weltgeschichte nicht geben.
Nik Afanasjew
/ Tagesspiegel
vom 04.09.2011
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