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in einem Boot, kurz vor dem Wasserfall
Wichtiger als Klimawandel: Die Überbevölkerung zerstört
den Planeten
Von Prof.
Dr.
Carsten
Niemitz - Tagespiegel 19.04.2007
Jeder redet
über den Klimawandel. Dabei ist der gar nicht das wahre Problem.
Folgenschwerer und dringen der ist ein anderes, das noch viel
konsequenter angegangen werden muss: Wir sind einfach zu viele
Menschen. Jedes Jahr kommen nach Berechungen der UN fast 80 Millionen
Menschen hinzu, und Familienplanung findet in vielen Ländern praktisch
nicht statt. In etwa 50 Jahren werden wir danach die Zehn-Milliarden-Grenze
überschritten haben. Das sind 3,5 Milliarden Menschen mehr als
heute oder 46 Mal so viele wie die derzeitige Bevölkerung Deutschlands.
Woher soll man Luft, Nahrung und Trinkwasser für 46 Mal Deutschland
zusätzlich nehmen, wenn laut UN-Berechnungen heute schon eine
halbe Milliarde Menschen nur ungenügenden Zugang zu Trinkwasser
hat? Man kann leicht überschlägig berechnen, dass man für die
hinzukommenden Menschen bei ähnlichem Flächenbedarf für Siedlungen,
landwirtschaftliche und industrielle Produktion rund 15 Millionen
Quadratkilometer zusätzlich veranschlagen muss; das ist netto
die halbe Fläche Afrikas.
Bei Einrechnung weiterer Faktoren bedeutet dies, dass man - einschließlich
der Wälder und anderer notwendiger oder wenig bewohnbarer Gebiete
wie Wüsten und Halbwüsten - knapp einen afrikanischen Kontinent
an Bruttofläche zusätzlich benötigt. Dennis Meadows, Autor des
1972 erschienenen Buches "Die Grenzen des Wachstums", meint, dass
die Menschheit etwa seit 1990 über Gebühr auf Kosten der Natur
lebe. Ich schätze die langfristige ökologische Tragfähigkeit der
Erde noch geringer ein. Die großen Naturräume der Erde haben seit
der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schneller Schaden genommen
haben als ihre Selbstheilung dies ausgleichen konnte. Sie aber
sind unsere Lebensbasis, und eine andere Entwicklung ist nicht
in Sicht. Lediglich die Geschwindigkeit der Naturvernichtung hat
zugenommen. Daher reicht es nicht, das Wachstum der Menschheit
zu verlangsamen, sondern wir müssen weniger Menschen werden als
wir jetzt sind. Die Blindsein-Wollenden haben seit dem Bericht
des "Club of Rome" 1960 immer wieder nachgerechnet, ob einige
der Vorhersagen vielleicht doch fehlerhaft waren. Diese Leute
sitzen mit im Boot und treiben auf den Wasserfall zu.
Man muss die Konsequenz aus der Erkenntnis ziehen, dass es auf
ganz korrekte Zahlen in den Prognosen nicht (mehr) ankommt. Schon
als wir fünfeinhalb Milliarden Menschen waren, wussten eigentlich
alle Experten, dass wir für elf Milliarden Menschen nicht genügend
Süßwasser, nicht genug gute Luft und nicht genügend Natur übrig
behalten würden, um zu überleben. Wir dürfen nicht weiter warten,
bis die regionalen Kriege um Öl und Wasser transkontinentale Dimensionen
annehmen. Hinsichtlich der Familienplanung dürfen wir aber auch
nicht ratlos sein. Vermutlich handelt es sich um das sensibelste
Thema der Politik der nächsten zwei Jahrzehnte. Es ist das privateste,
das intimste, zugleich aber eben auch das wichtigste und das dringendste
politische Thema. Alle mächtigen Staaten mischen sich mit 1000
weniger drängenden Themen überall in der Welt ein. Vor 20 Jahren
hieß das Gebot: Schafft Bildung und bekämpft die Armut, denn nur
so ist Familienpolitik aussichtsreich. Die Menschheit wächst aber
schneller, als wir Wohlstand und Bildung für alle potenziellen
Eltern schaffen. Im Gegensatz zu anderen Problemen hat diesbezüglich
bisher niemand ein schlüssiges Konzept vorgelegt. Wahrscheinlich
haben wir diesen Kampf also bereits verloren. Haben wir nicht
erlebt, dass Karlheinz Böhm in Äthiopien bisher Großartiges geleistet
hat, dass aber gleichzeitig für viel mehr Kinder dort die Not
heute größer ist als zuvor? Spenden sind gut, aber sie lösen das
Problem nicht. Familienpolitik darf nicht allein eine nationale
Aufgabe bleiben; sie muss internationale Politik werden und zwar
schnell. Wenn wir das nicht begreifen und politisch erfolgreich
umsetzen, brauchen wir uns in zwei Jahrzehnten um nichts, wirklich
um gar nichts mehr zu kümmern.
Es gilt das Wort aus dem I Ging: Wer begriffen hat und nicht handelt,
hat nicht begriffen. Verglichen damit ist der Klimawandel nicht
schlimm … Der Autor ist Anthropologe an der Freien Universität
Berlin. Zuletzt erschien "Das Geheimnis des aufrechten Gangs".
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